Lebensversicherer müssen Garantiezins 2011 senken

Die deutschen Lebensversicherer müssen früher als erwartet auf den Einbruch der Renditen am Kapitalmarkt reagieren. Schon Mitte 2011 könnten die Versicherer gezwungen sein, den Garantiezins abzusenken.



FRANKFURT. Die lange Phase niedrigster Zinsen wird für die Lebensversicherer und ihre Kunden zu einem Problem. "Durch den starken Zinsrückgang ist der Druck deutlich gestiegen", warnt der Geschäftsführer der Ratingagentur Assekurata, Reiner Will, auf der Grundlage eigener Berechnungen. Die Branche will sich dagegen am liebsten noch Zeit lassen. Einer der führenden Versicherungsmathematiker, Johannes Lörper aus dem Vorstand des Versicherers Ergo: "Ich gehe für 2012 von einer Senkung aus." Diese Hoffnung könnte trügen. Denn die Versicherer entscheiden dies letztlich nicht.

 

 

Der Garantiezins für Lebensversicherungen ist so wichtig, dass es für dessen Bestimmung feste Abläufe gibt: Die Höhe des Zinssatzes empfiehlt ein unabhängiger Verein der Versicherungsmathematiker, die Aktuarvereinigung - die Entscheidung fällt letztlich aber das Finanzministerium. Die Regeln der Versicherungsmathematiker und Paragraf 65 im Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG) besagen dabei: Der Garantiezins muss gesenkt werden, wenn die Versicherer mit zehnjährigen Bundesanleihen nicht mehr den garantierten Zins erzielen können. Mit anderen Worten: Pendeln die Bund-Renditen dieses Jahr weiter zwischen 2,0 und 2,5 Prozent, wäre laut Assekurata im Sommer 2011 eine Senkung fällig - und nicht erst 2012.

 

Derzeit versprechen die Lebensversicherer pro Jahr bei neuen Verträgen mindestens 2,25 Prozent auf die Sparbeiträge. Im Schnitt schreibt die Branche aber pro Jahr noch 4,2 Prozent gut - als Überschussbeteiligung. Diskutiert wird unter den Versicherungsmathematikern bereits, die Garantie unter zwei Prozent sinken zu lassen. Das wäre ein Rekordtief, das die Lebensversicherung, den Verkaufsrenner während der Finanzkrise, künftig immer mehr zum Ladenhüter machen könnte.

 

Versicherer verdienen mit dem aktuellen Garantiezins noch gut

 

Der Garantiezins für Lebensversicherungen ist eines der wichtigsten Verkaufsargumente für Lebens- und Rentenversicherungen. Egal, was künftig passiert, diesen Zins muss der Versicherer bis zum Ende des Vertrags auf jeden Fall zahlen.

 

Die Versicherer denken aber nicht nur an Regeln, sondern vor allem an den aktuellen Umsatz. Um sich nicht zu früh das derzeit blendend laufende Geschäft mit Lebensversicherungen zu verderben, wollte die Branche über eine Absenkung des Garantiezinses eigentlich erst im kommenden Jahr in aller Ruhe diskutieren. Das ist durch den Rückgang zehnjähriger Bundesanleihen von 3,3 Prozent im Vorjahr auf zeitweise 2,1 Prozent fragwürdig geworden.

 

Der Versicherungsmathematiker Lörper, der stellvertretender Vorsitzender im entscheidenden Aktuarverband ist, erwartet derzeit, dass Anfang 2011 eine Entscheidung fällt. Das würde die Versicherungskonzerne unter Zeitdruck setzen.

 

Bei der letzten Senkung des Garantiezinses lagen zwischen Vorschlag, Entscheidung und Umsetzung knapp anderthalb Jahre. Der Grund sind feste Abläufe, an denen die Branche nichts ändern kann. Diesmal müssten alle schneller agieren, erst recht, wenn die niedrigen Bund-Renditen schon Mitte 2011 einen neuen Garantiezins erzwingen.

 

Zeitdruck ist nicht das einzige Problem, das die Branche hat. Als Werbeargument könnte der Garantiezins künftig vielleicht nicht mehr eingesetzt werden. Nicht nur wegen seines extrem niedrigen Niveaus, sondern auch wegen eines großen Schönheitsfehlers, der erst auf den zweiten Blick erkennbar wird.

 

Ein niedrigerer Garantiezins bringt nach Berechnungen des Handelsblatts künftig kaum noch einen Mehrwert. Denn die Kosten für Vertreter und Verwaltung fressen einen Großteil der Rendite auf. Das gilt besonders stark bei kürzeren Verträgen über zwölf Jahre. Bei Verwaltungskosten von drei Prozent und Abschlusskosten von fünf Prozent, bekämen die Kunden bei einem neuen Garantiezins von 1,75 Prozent nur wenig mehr als die gezahlten Beiträge garantiert.


Quelle: Handelsblatt, 08.09.2010